Urbane Groove Musik mit einer Prise Viertelton. Das Quartett um Benjamin Weidekamp, den kreativen Kopf von Bands wie "Olaf Ton" oder "Stereo Lisa", eröffnet mit seiner frischen Herangehensweise und einer humorvollen Note einen spannenden und unterhaltsamen Zugang zum zeitgenössischen Jazz.
Mit dabei sind Uli Kempendorff (Field), Ronny Graupe (Hyperactive Kid, Spoom) und Christian Marien (Olaf Ton, RitscheZast&Marien, Miss Platnum).
Die Musik besteht aus Groove, Humor, bedingungsloser Spielfreude, Spass an Improvisation und einer Menge aufgeschriebenen Noten!
Die Kompositionen basieren rhythmisch auf den Namen der Bandmitglieder bzw. deren Übersetzung ins Morsealphabet und harmonisch zum Großteil auf FFT Analysen von Präperationen des Schlagzeugers sowie anderen mikrotonalen Herangehensweisen, wie der Splitchordtechnik, wo z.Bsp. 12-Tonreihen oder die Tonnamen, welche in den Namen der Musiker vorkommen, in der Mitte durch ein Viertelton geteilt werden. So kommt es z.B. dazu, dass der angeknackste Thaigong des Schlagzeugers spektralanalysiert, rückwärts und in 30facher Zeitlupe als harmonische Grundlage dazu dient, dass jeder seinen Namen 16x morsen kann.

Veröffentlichung

Benjamin Weidekamp Quartett »seriell, nicht seriös«

seriell, nicht seriös
Benjamin Weidekamp Quartett

2014 WhyPlayJazz (RS011)
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Titelverzeichnis

  1. nomen est omen  11:38
  2. Allegro Assai  10:02
  3. seriell, nicht seriös  7:48
  4. Wu-Han  9:28
  5. Klangschale  6:08
  6. ausgerechnet Latin  4:10

Konzerte

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Töne/Bilder/Videos

Reviews

KH: Sind Sie ein unseriöser Komponist, Herr Weidekamp?
BW: Hmm, hoffentlich nicht. “Seriell, nicht seriös“ geht ironisch damit um, dass hoffentlich soviel Einfluss von Boulez in mir steckt wie von Cage, um von großen Vorbildern zu sprechen. Genau soviel Bunuel wie Star Trek, Ecco und Joyce wie Helge Schneider und The Simpsons, ein Marthaler Abend wie das 98´er WM Halbfinale Brasilien – Holland, ich selber mache da keine großartigen Unterschiede.
Der Titel spielt aber auch darauf an, dass Serialität oft vorgeworfen wird, kalt und emotionslos zu sein. Intellektualität bekommt schnell einen faden Beigeschmack, verkopfte Kunst. Ich glaube da nicht dran. Der emotionale Gehalt von Kunst wird, durch die Wahl der Mittel, für mich weder in die eine, noch in die andere Richtung zwangsläufig bestimmt.

KH: Als Jazzmusiker haben Sie sich auf das schwierige Feld Neue Musik begeben. Warum taten sie das?
BW: Mein Vater Paul Weidekamp, der selber Klavier spielt, hat mich schon früh mit Jazz und Neuer Musik gefüttert. Ich glaube, dass es sich deshalb so ergeben hat, dass es im Verlauf meiner Arbeit immer ein zentrales Thema war und ist, diese beiden Ausdrucksformen von Musik miteinander zu verbinden.

KH: Hatten Sie vorher schon Erfahrungen auf dem Gebiet Neue Musik erlangt?
BW: Klassische Musik und insbesondere die Musik des 20.Jahrhunderts haben in meiner musikalischen Sozialisation schon immer eine große Rolle gespielt.
Auf theoretischer Ebene habe ich Werke verschiedener Komponisten analysiert und mich mit deren Kompositionstechniken auseinandergesetzt. Dabei habe ich viele Ideen und Anregungen für meine Arbeit gewinnen können. Als Musiker habe ich öfters Erfahrungen beim Spielen von Neuer Musik gesammelt.
Eine wichtige Rolle stellt hierbei die Arbeit mit dem Ensemble Fo[u]r Alto (mit Frank Gratkowski, Christian Weidner und Florian Bergmann) da. Dort beschäftigen wir uns mit der Erweiterung der Spieltechniken auf dem Saxophon sowie der Erforschung und Einbeziehung von Mikrotonalität. Darüber hinaus spielen Uli Kempendorff, Florian Bergmann und ich zusammen in dem Ensemble Walter Kammer Trio, wo wir die 5 Divertimenti von W.A. Mozart für drei Klarinetten spielen.

KH: Wie sind Sie mit der bewusst gewählten Reduzierung auf mikrotonale Kompositionsweisen umgegangen? Ist diese Herangehensweise nicht jazzuntypisch?
BW: Der flexible Umgang mit Intonation ist schon immer ein wichtiges Thema im Jazz gewesen. Streng genommen benutzen ein Großteil der SängerInnen, BläserInnen u.v.a. Mikrotonalität als Ausdrucksmittel. Ein gutes Beispiel sind auch die alten Bluesgitarristen, die viel mit Bending, also dem ziehen von Noten, arbeiten.
In meinem Quartett arbeiten wir arbeiten mit konkreten Quantisierungen, Vierteltönigkeit und bei „Klangschale“ mit Achteltönigkeit. Für mich bietet die Arbeit mit Mikrotonalität vor allem die Möglichkeit, die wohltemperierte Klangsprache zu erweitern. Der entscheidende Gedanke, warum ich mit Mikrotonalität arbeite, ist, dass die Welt, die uns umgibt, mikrotonal ist. Sprache, Tierstimmen, Natur- und Alltagsgeräusche oder eben Schlagzeug- und Percussionklänge, unterliegen nicht den Gesetzmäßigkeiten des wohltemperierten Systems. Mikrotonale Herangehensweisen, wie Viertel- und Achteltönigkeit sind ein feineres Raster als die Halbtöne der 12-Tonchromatik, sowie Millimeterpapier gegenüber dem gebräuchlichen Matheheft. Durch dieses kleinere Raster ergeben sich andere Möglichkeiten Klang zu begegnen.

KH: Sie haben auch das Morsealphabet zum Komponieren verwendet? Wie kamen Sie auf diese Idee?
BW: Angefangen mit dem Morsecode zu operieren um rhythmische Perioden oder eine rhythmische Matrix zu generieren, habe ich im Frühjahr 2003. Der Auslöser hierfür war eine Szene in der Eisdiele „Anna Maria“ in der Nähe vom Kollwitzplatz Berlin. Da haben der Schlagzeuger Christian Marien und ich irgendeinen Rhythmus aus irgendeinem Stück unserer damaligen Band „Olaf Ton“ geübt, indem wir diesen Rhythmus auf dem Tisch geklopft haben. Der Kommentar - „Was morst ihr euch denn da zu?“ – vom anwesenden Friedel-Ludwig Wagner liess mich den Entschluss fassen, ein Stück für „Olaf Ton“ zu schreiben, welches auf dem Morsealphabet basiert.
Beim Benjamin Weidekamp Quartett basiert der Rhythmus der Kompositionen nun komplett auf den Übersetzungen der Namen der Bandmitglieder ins Morsealphabet. Grundsätzlich verstehe ich die Methode mit dem Morsecode zu operieren, als Strategie und/oder eine Art Spielregel, die ich mir selbst auferlege. Beim Komponieren selber geht es dann darum, diese Spielregel zu variieren, zu dehnen, auszureizen, umzustellen, in Frage zu stellen, neu zu erfinden oder zu mogeln, um das gewünschte Klangergebnis zu erreichen. Oft habe ich lange herumprobiert und gesucht, bis ich dann dazu gekommen bin, die Namen der Musiker, ausgenommen die Buchstaben, welche Tonnamen sind, da diese dann im zeitlich vorliegenden Ereignis die Grundlage für die Harmonik bilden, gleichzeitig und in verschiedenen Geschwindigkeiten zu morsen und daraufhin, die entstandenen Überschneidungen wegzukürzen.

KH: Und was heißt Spektralanalyse in diesem Zusammenhang?
BW: In “seriell, nicht seriös“, “Wu-Han“ und “Klangschale“ spielen Klangzustände verschiedener Schlaginstrumente eine tragende Rolle. Ein Thai-Gong, zwei Wu-Han-Becken und eine Klangschale. Ich habe diese Instrumente aufgenommen und mit Hilfe der Ircam Software Open Music Spektralanalysen der Klänge gemacht. Jeder Klang den wir hören, lässt sich auf eine Summe von Sinustönen zurückführen. Sinustöne sind nur synthetisch und selbst dann nur annähernd herstellbar. Wir kennen sie z.B. aus dem Testbild, welches in manchen Fernsehsendern nachts nach Programmschluss ausgestrahlt wird. Diese Sinustöne sind Teiltöne oder Partialtöne des Klanges. Die Summe dieser Töne und ihre jeweilige Dynamik nennen wir Spektrum. In der Spektralanalyse analysiert der Computer die Klänge, wobei ein bestimmter Zeitpunkt definiert werden muss, da sich der Klang des Instrumentes während seines Klangverlaufes dauernd verändert. Verwendet werden dann die wichtigsten (lautesten) Teiltöne. Um diese auf unseren Instrumenten spielbar und lesbar zu machen, habe ich die aus den Analysen resultierenden Tonhöhen auf ihren nächsten Viertelton, manchmal auch Achtelton gerundet. Das in diesem Prozess entstandene Material beeidet dann die Grundlage für die jeweilige Komposition.

KH: Alle Stücke sind komponiert. Bedeutet das auch, dass Sie in der Livewiedergabe streng nach Vorgaben spielen?
BW: Die Stücke, die wir im Benjamin Weidekamp Quartett spielen, haben auch improvisierte Teile. Im Verlauf der CD verändert sich das Verhältnis vom notierten zu improvisierten Material. Im ersten Stück überwiegt der Anteil des improvisierten Materials. In „Klangschale“ wird fast gar nicht mehr improvisiert. Die Veränderung verläuft in Stufen von Stück zu Stück. „Ausgerechnet Latin „fällt aus diesem Rahmen heraus und funktioniert wie eine Zugabe.
Unser Ziel ist es, in den offenen Teilen im Kollektiv Durchführungen zu den Kompositionen zu improvisieren. Das mag im ersten Moment etwas streng klingen, ist aber im Grunde damit zu vergleichen, wie wenn ein Stück eine feste Soloform, Changes, eine Time oder Groove Vorgabe hat.

KH: Wie geht es weiter?
BW: Für mich ist es das schönste, Konzerte zu geben. Live durch die Musik mit dem Publikum in Kommunikation zu treten und einen guten Abend miteinander zu verbringen. Das mag ein bisschen kitschig klingen aber am Ende ist es genau so. Natürlich hoffe ich also darauf, dass wir jetzt mit dieser Band ans Spielen kommen und das die Veröffentlichung unserer CD dabei hilft, Aufmerksamkeit und Interesse bei Veranstaltern zu wecken, damit wir mit dem Quartett in die Welt hinausgehen und unsere Musik spielen können. Es gibt auch schon viele Skizzen und Ideen für neue Stücke, die auf den Erfahrungen aufbauen, die ich beim Schreiben für diese CD gesammelt habe. Es werden andere Aspekte miteinbezogen, instrumentenspezifische Spieltechniken, irrationale Rhythmen und Time-Überlagerungen sind da so ein Thema.

Interview von Klaus Hübner, Jazz Podium 7/2014

Die Eingänge, die der deutsche Komponist und Klarinettist Benjamin Weidekamp mit seinem Quartett in seinen klanglichen Urwald legt, sind sorgfältig ausgewählt. Ob es nun das Titel gebende „seriell. nicht seriös“, der Opener „nomen est omen“ oder die wiederholt (auch optisch auf der Cover-Innenseite) auftauchenden Morse-Signale sind, die strukturelle Frage als Basis des Entstehens von Musik hat sich der Bandleader sehr genau gestellt, das Ergebnis überzeugt. Mit seinem Instrumentenkollegen Uli Kempendorff, dem Gitarristen Ronny Graupe und Schlagwerker Christian Marien hat sich Benjamin Weidekamp aufmerksame und äußerst aktive Spielkameraden ins Team geholt, die sich in dem flirrenden Geflecht der Tonbilder ihre Wege suchen, ob es sich um das Schichten und Sezieren von Klängen oder die diskursive Anordnung von Tonbausteinen handelt, da wird aus der Tiefe der jeweiligen künstlerischen Erfahrung geschöpft und lustvoll das Gemeinsame zelebriert. Da passieren überraschende, wundersame Entdeckungen, die die offene, auf das experimentelle Suchen und Finden ausgerichtete Haltung und Sichtweise mit sich bringt, dass den HörerInnen ebenso viele intensive (Mit)erlebnisse bleiben, wird mit Freude der Jazz-, Kompositions- und Improvisationspolizei gemeldet – und zur Anzeige gebracht.

Thomas Hein, Concerto #2/2014

Eine Band, die sich ganz und gar aus Musikern mit Berliner Hintergrund zusammensetzt, ist das Benjamin Weidekamp Quartett mit den beiden Holzbläsern Weidekamp und Uli Kempendorff, Gitarrist Ronny Graupe und Drummer Christian Marien. Auf „Seriell. Nicht Seriös“ (WhyPlayJazz) entwickeln sich zwischen den vier Musikern lustvolle Verdichtungsprozesse, die [...] urbane Dringlichkeit hörbar machen. Wenn man so will, verhält sich das Weidekamp Quartett mit seinen draufgängerisch schwarzen Rändern unter den Fingernägeln des vollendeten Sounds ganz und gar antizyklisch zur um sich greifenden Nachdenklichkeit der aktuellen Berliner Szene.

Wolf Kampmann, Jazz thing #103

Die Botschaft kam an: Jazzer können auch morsen. Mit dieser musikalisch verblüffenden Novität zog das Berliner Quartett seine Zuhörer in den Bann.
Altsaxophonist und Komponist Benjamin Weidekamp (ehemals Olaf Ton) gestand dem gut gefüllten Saal: „Eigentlich kann ich gar nicht morsen.“ Vor zwei Jahren gab das Klopfen seiner Hände auf den Tisch in einer Eisdiele den Anstoß für eine im Jazz bislang eher unbekannte Spielart. Töne werden nicht allein nur in einer festen Reihenfolge gespielt, wiederholt oder verarbeitet, sondern auch in das Morsealphabet übersetzt. Daraus besteht das Material für Stücke wie „Nomen est Omen“ oder „Seriell, nicht seriös…“.
Über dem treibenden Groove des Schlagzeugers Christian Marien entspannten Ronny Graupe auf seiner schwarzen halbakustischen Gitarre und die beiden Bläser Benjamin Weidekamp und Uli Kempendorff (Saxophon, Klarinette) verblüffende und packende Klanglandschaften, bestehend aus gehauchten, dröhnend aufgeblasenen oder gezupften Tönen der Namen der einzelnen Quartettmitglieder.
Nach der ersten Kostprobe schien dieser Ansatz allerdings nicht als eine Eintagsfliege erschöpft. Selbst der analysierte Klang eines einmal angeschlagenen Gongs kann einen Anreiz für ein paar neue Töne bieten. Auch wenn die Musik gut ins Ohr und der Rhythmus in den Körper ging, bedurfte es hin und wieder einzelner Erläuterungen. Dies allerdings nur, um zu erklären, worauf sich die vier Musiker spielend beziehen. Natürlich immer mit einer guten Portion Humor. Dem Publikum gefiel es.

Uwe Roßner, Ostsee-Zeitung

Im Zentrum steht Benjamin Weidekamp, der auch für Komposition und Moderation verantwortlich zeichnet. Er holt aus Klarinette und Altsaxofon mit Hingabe und Raffinesse Tonkaskaden hervor, die er bis zur physischen Erschöpfung variiert.

Darmstädter Echo

Benjamin Weidekamp hat einen leichten, aber nadelscharfen Ton und neigt dazu, seinen Linien den ein oder anderen Viertelton hinzuzufügen. Die Kompositionen: rauher, punkiger Stoff, die Arrangements brutal clever und das Gesamtergebnis macht soviel Spaß, dass man sich danach mit einer Aspirin erst einmal hinlegen muss.

Nate Dorward, Cadence Magazine