Es braucht Querdenker wie Stefan Schultze, um dieses vielleicht spektakulärste Format des Jazz, das Band-Abenteuer Big Band, am Leben zu halten. Big Bands sind Institutionen des Jazzganzen und Lehrinstitute für den Einzelnen. Big Bands haben einen leichten Hang zum Größenwahn und einen schweren zu Disziplin und Konzept. Big Bands sind schwer zusammenzuhalten, doch in den besten Fällen kein bisschen aus der Zeit.

Stefan Schultzes Large Ensemble ist so ein bester Fall. Sozialisiert ist der Mittdreißiger mit diversen Musikformen: Jazz, Rock, Pop, Neue Musik, Klassik, ethnische Klänge, Minimal, Noise usw. Er gehört zur Generation der Klickkultur, doch genau gegen die tritt er an. Denn seine ausgefuchsten, mit immer neuen Finten verblüffenden Kompositionen, schöpfen zwar aus dem großen Fundus, setzen aber eine detaillierte Auseinandersetzung voraus, wie sie über YouTube nicht zu haben ist.

Mit all ihren Volten und überraschenden Wendungen, behält Stefan Schultzes Musik etwas Springlebendiges, Agiles von hoher Eingängigkeit und Durchschlagskraft, ohne sich je im Simplen zu verlieren. Aus dieser genau gebauten Wendigkeit resultieren Kraft und ansteckende Vitalität dieser Breitwandklänge. Das ist ganz und gar Musik von heute, die jedoch um ihre Ahnen weiß.

Veröffentlichung

Stefan Schultze Large Ensemble »Erratic Wish Machine (feat. Wu Wei)«

Erratic Wish Machine (feat. Wu Wei)
Stefan Schultze Large Ensemble

2015 WhyPlayJazz (RS017)
CD + MP3 Album Download

Titelverzeichnis

  1. Goodbye Part I  6:43
  2. Goodbye Part II  8:57
  3. Erratic Wish Machine  7:13
  4. Fuxing  6:51
  5. Old Six  5:52
  6. Trigger Happy  8:43
  7. Dorf im Kopf  6:54

Konzerte

2017

  • 05.05.2017 - Berlin, DE @ Aufsturz
  • 06.05.2017 - Düsseldorf, DE @ Jazzschmiede

Sie sind Veranstalter und möchten Verfügbarkeit: auf Anfrage.

Töne/Bilder/Videos

Reviews

Das Label WhyPlayJazz, sonst bekannt für experimentierfreudige Combo-Einspielungen, hat mit seiner ersten Jazzorchester-CD einen großen Wurf gelandet. Und mit ihm auch der Komponist und WDR-Jazzpreisträger 2010, Stefan Schultze. Das mit dem Deutschlandfunk produzierte Album bringt kein Thema-Solo-Thema-Big-Band-Programm, sondern setzt sich aus stark auskomponierten Mood-Stücken zusammen, deren nicht-strophische, bisweilen minimalmusic-hafte Motivkern- und Riff-Entwicklungen vor den Solisten ausgedehnte Klanglandschaften zum Durchmessen aufbauen.

Frithjof Strauß, Jazz Podium 7/8 2015

Erratic Wish Machine ist ein Album voller nicht-trivial musikalischer Erkundungen. Schultze verdient Lob für die Verfolgung seiner Träume, die zu so grandiosen Aufnahmen führen.

Adam Baruch, adambaruch.com

Stefan Schultze lud für seine Produktion Erratic Wish Machine den Virtuosen für chinesische Mundorgel Wu Wei (u.a. zu hören mit Pascal Contet und dem Ensemble Intercontemporain) ein: Sehr ungewöhnlich und erfolgreich. Unvorhersehbare Maschinen-Wünsche, die viele Überraschungen bereit halten. Sehr hörenswert, das ist sicher!

Culturejazz.fr, Thierry Giard

Die Sheng ist eine Art chinesische Mundorgel, und der Pianist und Komponist Stefan Schultze war von ihr und ihrem Virtuosen Wu Wei so fasziniert, dass er ein ganzes Bigband-Album um sie herum komponiert hat. „Es ist kein besonders lautes Instrument, aber sehr kontrastreich, und ich wollte Wege finden, es mit der Bigband-Musik, wie ich sie schreibe, zu verbinden“, sagt Schultze. „Man muss leise Momente schaffen, in denen Platz für das Instrument ist. Die Sheng soll nicht nur als minimal andere Klangfarbe durchschimmern.“ Das gelingt auf „Erratic Wish Machine“ (WhyPlayJazz) von Stefan Schultzes Large Ensemble ganz vorzüglich. „Klanglich ist die Sheng eine Mischung aus Melodika, Orgel und Akkordeon“, erläutert der Bandleader. „In den extremen Registern kann sie aber auch wie eine Klarinette oder eine Geige klingen. Die Sheng kann sehr hoch spielen und dort mit Glissandi arbeiten.“ Ganz zum Schluss gibt Schultze dem Affen dann aber doch noch einmal Zucker. „Dorf im Kopf“ klingt wie ein Parallelritt über mehrere Schützenfeste, bei deren das prominent besetzte Ensemble - unter anderen Charlotte Greve, John-Dennis Renken, Jürgen Friedrich und Heiner Wiberny - mehrere Melodien gleichzeitig zu spielen scheint. „Das ist eine Art umgekehrter Kulturschock“, grinst Schultze. „Das Stück verarbeitet volkstümliche Musikklischees. Ich habe mich schon oft gefragt, wie diese Melodien wohl auf Menschen aus anderen Kulturkreisen wirken, und habe versucht, das Beste daraus zu machen. Die Trompeten sollten extra wie eine Dorfkapelle spielen.“

Stefan Schultze – Umgekehrter Kulturschock, Rolf Thomas, Jazz thing #109

Schultze beeindruckt als Komponist und durchbricht alle Konventionen der Bigband-Tradition. Seine Musik durchläuft Phasen von introvertiert melodiös bis zum extremen heavy Rock. [...] Eine CD mit sehr abwechslungsreicher Musik, die stets fasziniert und vor allem schön ist, und die Wu Wei die Gelegenheit bringt, die unbegrenzten Möglichkeiten der Sheng völlig auszunutzen.

Tom Beetz, JazzFlits #239

[...] von wilden Tutti bis zu filigranen Ensemblepassagen, von Minimalistischem und Rockigem bis zu schräg dahinrumpelnden ungeraden Metren. Seine Musik gehört zum Originellsten, was die internationale Big-Band-Szene zu bieten hat. Seine Kompositionen stecken voller überraschender Entwicklungen, voller origineller Ideen, voller Stilbrüche und nicht zuletzt voller ungewöhnlicher Klangfarben. Was Kontraste und Abwechselung angeht ist Stefan Schultze (ohnehin) ein Meister.

Odilo Clausnitzer, Deutschlandfunk JazzFacts

Das Large Ensemble, eine 17-köpfige, hochkarätig besetzte Big-Band-Formation, beeindruckte mit rhythmischen Finessen, melodischer Farbigkeit und Witz.

Claudia Wallendorf, General-Anzeiger Bonn

Musik, die in keine Schublade passt, aufwendig instrumentiert, mit komplexen Arrangements bedacht und mit vollem Bigband-Sound dem Zuhörer entgegentritt. [...] kolossal interessant für neugierige Musikfreunde, die etwas vertragen können und die immensen Spannungsbögen zwischen scheinbar ziellos umherirrenden Pianissimi und massiven Eruptionen des gesamten Ensembles standhalten können.

Glucksende und schmatzende Flöten, Bonner Rundschau

Ganz, ganz großes Kino. Christoph Schlingensief und Franz Zappa hätten ihre wahre Freude daran gehabt. Stefan Schultze ist jedenfalls einer, dem der Schalk gehörig im Nacken sitzt, der Verwirrung, überraschende Wendungen, Gegensätze und raue Kanten liebt.

Ein Abend der Kontraste: Lizz Wright und Stefan Schultze, Cem Akalin, jazzandrock.com

Schultzes Kompositionen stoßen Entwicklungen an, schaffen kribbelnde Zustände, elektrisieren mit Freiheiten für die kreativen Jazzmusiker, deren improvisierende Mittelgestaltung elementar ist.

Olaf Weiden, Kölnische Rundschau

Gegensätze, die sich polarisieren und ins Schlepptau nehmen, Stilrichtungen, die sich anpassen, aber doch verschieden sind. Klänge, die manchmal überfordern, aber nie abstrus werden. […] So, bitteschön, macht Bigband-Sound Spaß.

Sven Ferchow, Neue Musikzeitung