Air von Philip Zoubek Solo

2015 WhyPlayJazz (RS024), CD + MP3 Album Download

Philip Zoubek Solo »Air«

Titelverzeichnis

  1. Aperion  9:27
  2. Grimace  2:15
  3. Humans, Resonating  4:32
  4. Insecting  7:38
  5. FER  9:36
  6. Odd Beats  9:24
  7. The Quiet Gardens  5:57
  8. Off Distance  11:12

Besetzung

Philip Zoubek (prepared piano)

Produktionsdetails

All compositions by Philip Zoubek. Recorded December 2014 by Stefan Deistler at Loft, Cologne, Germany. Mixed and edited by Philip Zoubek and Pedja Avramovic at Mediapark Studios, Cologne, Germany. Artwork by Markus Dorninger.

Ausnahmepianist Philip Zoubek (* 1978) lotet seit Jahren wie kaum ein anderer die Klangvielfalt des Klaviers aus. Vom Geräuschhaften und perkussiven bis zu elektronisch anmutenden Sounds dokumentiert er auf »Air« erstmals seinen aktuellen Klangforschungsprozess.

Vor 15 Jahren, als Philip Zoubek an der Kölner Hochschule sein Jazz-Studium begann, faszinierte ihn am meisten die freie Improvisation, im Besonderen eine Musik, die mit der traditionellen Rollenverteilung und Funktion der Instrumente brach und in der Tongestaltung erweiterte Spieltechniken einbezog. Zoubek hatte bereits damals Erfahrungen mit verschiedenen Formen von freier Musik, insbesondere dem Free Jazz, gemacht. Dabei stellte er jedoch fest, dass das Klavier mit seiner quantisierten Stimmung im Kontext avancierterer Spielarten anderer Instrumente oft wie ein Fremdkörper wirkte. Also begann er möglichst unbedarft den Klavierinnenraum mit unterschiedlichsten Materialien zu manipulieren, indem er entweder direkt die Saiten mittels verschiedener Objekte anregte oder diese – quasi à la Cage – zwischen den Saiten platzierte. In diesem Klangforschungsprozess wurde er sich der orchestralen Möglichkeiten des präparierten Klaviers bewusst: es konnte z.B. wie ein Gamelan Orchester klingen, wie ein Synthesizer, ein Percussion Ensemble oder an Xenakis erinnernde Glissandi. Und noch etwas wurde ihm im Zuge dieser Entwicklung klar:

„[…] dass ich mir damit ein offenes Feld geschaffen hatte, in dem ich alles, was ich über Musik wusste, auf den Klangraum des präparierten Klaviers projizieren und letzten Endes eine eigene Stimme finden konnte. Aber die Verinnerlichung von musikalischen Material ist, wie eigentlich meistens in der Musik, nur ein Vehikel für das, was mich wirklich interessiert: eine selbst entdeckte emotionale Klarheit auf die Hörer zu übertragen, Kommunikation und Transzendenz.“

Im Laufe der Jahre hat sich sein Präparations-Setup fortlaufend verändert – und damit auch die Musik. So ist auch »Air« nur ein Ausschnitt dieser Entwicklung. Für diese Aufnahme hat sich Philip Zoubek, im Gegensatz zu seiner Gewohnheit, bei live Konzerten ein oder zwei längere Stücke mit Entwicklungscharakter zu improvisieren, für kürzere und konzentriertere Formen entschieden.

Reviews

Since air is the medium, in which sound travels before it reaches our ears, it becomes in fact an integral part of the sound phenomenon, and as such deserves to serve as this album´s title.

Adam Baruch, adambaruch.com

In virtuoser Manier und mit Gespür für musikalische Dramaturgie baut er diese Klänge zu raffinierten Stücken zusammen, die wie aus einer anderen Welt klingen. Zoubek macht aus dem Klavier mit einfachsten Mitteln ein grandioses Werkzeug musikalischer Travestie, ohne dass dem Tasteninstrument seine Identität abhandenkämen.

Christoph Wagner, Jazzthetik 05/06-2016

Friedel Stutte, Jazz & World, WDR 3

»Air« was conceived as a bold attempt to design new sounds and demanding sonic environment that eventually lead to a new realization of Zoubek voice. Still, the most impressive piece is »FER«, where he combines the new found sounds of the prepared piano with the conventional, non-manipulated one, creating an intriguing and minimalist dramatic narrative that is exceptionally emotional.

Eyal Hareuveni, freejazzblog.org

Weil er sich im Kontext avancierter Spielweisen damit als Fremdkörper vorkam, machte Zoubek aus dem Piano ein anderes Instrument. Mit Präparationen schuf er sich ein spezielles Orchestrion oder Carillon, mit dem er als Gamelan oder Klangskulptur rumzaubern kann. Sophie Agnel und Reinhold Friedl machen das ähnlich, Zoubek verbindet damit aber eigene hohe Ansprüche, insbesondere den, „eine selbst entdeckte emotionale Klarheit auf die Hörer zu übertragen, Kommunikation und Transzendenz.“ Besonders gilt das, auch wenn der Niederösterreicher in Köln sich gern auch als Teamspieler einbringt, mit Hubweber, Lehn, Muche, Tang und wie sie alle heißen, und auch in Ensembles, kleineren wie Emißatett und Nanoschlaf oder großen wie Hübsch Acht und The Multiple Joyce Orchestra, für sein Solospiel. Gestaltet er dabei in der Regel nur zwei oder gar nur ein langes Stück, so sind es hier acht, von denen aber vier doch auch an die 10 Min. oder gar drüber dauern. Mit perkussivem Geklöppel à la John Cage, wobei mir Zoubek weit mehr als Cage ein Faible für Klang als Klang zu haben scheint. Zumindest kostet er das Faszinosum der verschiedenen Schattierungen von tönernen und drahtigen Anschlägen bis hin zu rubbeligem oder gar silbrigem Geflirr und glissandierenden Klangbögen wiedlich aus, von bedachtsam brütend bis generös schüttend. Kullernde Streuung wechselt mit träumerischem Lauschen auf das, was die Finger da ertasten, der Klingklang der Rechten greift in das Dingdong der Linken, regnerisches Tröpfeln fällt auf krabbeliges Gewusel. Er lässt den Drahtkorpus federn und rasseln, erklimmt ameisig höchste Höhen, dongt gongig, zieht das Standuhrwerk auf wie Shandy Sen. Zoubek lässt kleine Dröhnwolken morphen, lässt es kristallig oder wie mit Schalldämpfer läuten, reiht fragende Wiederholungen oder ungrade Beats wie ein aleatorischer Automat. Ich fühle mich eingeladen in einen Klanggarten zur akustischen Läuterung, zu einem atmenden Klarwerden, nicht durch spirituelle Symbolik, sondern durch die tönende Eigenart der Klangkonstrukte selbst.

Bad Alchemy Magazin #88, Rigobert Dittmann